Kleine Geschichte der Hennefer SPD

Die SPD ist die älteste Partei in der Stadt Hennef. Eine Ortsgruppe wurde im Januar 1919 gegründet. Seitdem erlebte die Hennefer SPD eine wechselvolle Geschichte, die hier nur um Überblick dargestellt werden kann.

Schwierige Startbedingungen für die Sozialdemokratie

Josef Dietzgen

Als Ferdinand Lassalle 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, um der Arbeiterschaft eine Stimme gegen Elend und Ausbeutung zu geben, war an Sozialdemokratie in Hennef noch nicht zu denken. Es dauerte vergleichsweise lange, bis die SPD in Hennef, wie überall im Siegkreis, Fuß fassen konnte. Die katholische Landbevölkerung wählte später vor allem das Zentrum. Dennoch gibt es schon vor der Gründung der ersten Hennefer SPD-Ortsgruppe Spuren sozialdemokratischen Wirkens in Hennef.

 

Der Arbeiterphilosoph aus Stadt Blankenberg

1828 wurde der „Arbeiterphilosoph“ Josef Dietzgen, den Karl Marx einst „unseren Philosophen“ nannte, in Stadt Blankenberg geboren. Trotz bescheidener Ausbildung verfasste der gelernte Gerber philosophische Schriften, die sich vor allem mit erkenntnistheoretischen Fragen auseinandersetzten. Nachdem Dietzgen schon in jungen Jahren in Uckerath, wo sein Vater eine Gerberei betrieb, revolutionäre Reden gehalten haben soll, wurde er später Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, kandidierte erfolglos für den Reichstag und litt aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit u.a. für den „Vorwärts“ unter staatlicher Verfolgung. Mehrmals musste Dietzgen nach Amerika emigrieren, wo er 1888 starb.

Auch ein weiterer bekannter Name der Arbeiterbewegung hat eine kleine Verbindung zu Hennef: Im August 1822 wurde die „roten Gräfin“ Sophie von Hatzfeldt in der Kapelle von Schloss Allner sowie vor dem Bürgermeister von Lauthausen getraut. Bei ihrem aufsehenerregenden Scheidungsprozess erfuhr sie Unterstützung durch Ferdinand Lassalle, mit dem sie später zusammenlebte und politisch wirkte.

„Acta Specialia“ aus Hennef

Eine der dunkelsten Ecken des Reiches

Die Rheinprovinz war für die Sozialdemokratie eine der dunkelsten Ecken im Reich. Lange Zeit gab es keine Parteistrukturen. Zu Reichstagswahlen trat mehrmals August Bebel als bekannter, aber erfolgloser Zählkandidat im Wahlkreis Siegkreis/Waldbröl an. In Hennef erhielt er aber nur vereinzelte Stimmen. Das Mehrheits- und Zensuswahlrecht und die Agitation der Kirche machten Wahlkampf für die SPD in Hennef faktisch aussichtslos. Von Köln aus versuchte das Agitationskomitee des SPD-Bezirks Obere Rheinprovinz auch bei der skeptischen Landbevölkerung Anhänger zu finden. Ob Schriften wie der „Rheinische Volkskalender“ auch in Hennef verteilt wurden, kann man heute nicht mehr sagen. Trotz großer Arbeiterschaft zunächst im Bergbau und später in den Hennefer Fabriken fand die SPD in Hennef kaum Anhänger. Bei entsprechender Betätigung drohte die sofortige Kündigung. So meldeten die regelmäßigen Berichte, die auch die Bürgermeister in Hennef, Uckerath und Lauthausen bis 1914 verfassen mussten, dass sozialdemokratische Aktivitäten in Hennef praktisch nicht festzustellen seien. Der Hennefer Bürgermeister meldete 1909 etwa, dass „anarchistische, agitatorisch hervortretende Sozialdemokraten und sozialdemokratische Vereine nicht namhaft zu machen“ seien.

 

Die Revolution erreicht Hennef

Anzeige in der Hennefer Volkszeitung (23.1.1919)

Mit der Revolution im November 1918 brachen auch in Hennef neue Zeiten an. In Berlin dankte der Kaiser ab und Friedrich Ebert und die SPD führten das Land in die Demokratie. In Hennef wurde ein „Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat“ ins Leben gerufen. Am 12. Januar 1919 lud die SPD im Vorfeld der ersten freien Wahl zu einer großen Volksversammlung in die heutige „Sieglinde“ in Weingartsgasse ein. Zur Gründung einer Ortsgruppe Geistingen trafen sich die „Mehrheitssozialisten“ am 25. Januar 1919 in der Gaststätte Heinrich Müller (später: Zum Bock) in Geistingen: Die Geburtsstunde der Hennefer SPD, auch wenn es nach mündlichen Berichten wohl zuvor schon aktive Sozialdemokraten in Hennef gegeben hatte. Am 2. Februar gründete sich auch die SPD-Ortsgruppe Hennef im Saal Wingen an der Frankfurter Straße. Gründungen von Ortsgruppen in Uckerath und Lauthausen sind heute nicht mehr zu belegen, aber auch dort traten Sozialdemokraten zu Gemeinderatswahlen an.

Innerhalb kürzester Zeit entfaltete die SPD eine rege Aktivität, obwohl die Bedingungen alles andere als gut waren. Die politische Arbeit nach langen Arbeitstagen muss hart gewesen sein, die soziale und wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg generell prekär. Dennoch veranstaltete die Hennefer SPD Volksversammlungen mit externen Rednern zu verschiedenen Themen, Mai-Feiern und Bildungsabende. Dabei trafen die Genossinnen und Genossen auf harte Gegenwehr. In der konservativen Hennefer Volkszeitung wurde in Anzeigenkampagnen vor „den Roten“ gewarnt, das Zentrum war organisatorisch, personell und finanziell weit überlegen. Nach einem „Beichtstuhl-Skandal“ 1920 berichtete die Volkszeitung überhaupt nicht mehr über die Hennefer SPD. Das SPD-Ratsmitglied Fritz Wolf hatte „Wahlmache im Beichtstuhl“ angeprangert, weil ein Pater einem jungen Mann die Absolution verweigerte, ohne dessen Zusage, nicht mehr „rot“ zu wählen. Die Zeitung entschuldigte sich in aller Form, dass sie den Text der SPD veröffentlicht hatte.

 

Harte Gegenwehr

Um der SPD in der katholischen Arbeiterschaft Stimmen abzujagen, gründete sich die „Arbeitervereinigung der Bürgermeisterei Hennef“, die vorgab die Interessen des „kleinen Mannes“ ohne Klassenkampf zu vertreten. Die SPD reagierte mit einem Leserbrief: „Lasst Euch keinen Sand in die Augen streuen!“. Mit rund 16% für die SPD zogen nach der ersten freien Gemeinderatswahl 1919 der Dentist Franz Steuermann, der Verwaltungsschreiber Johann Larsonneur und der Former Johann Langen in den Hennefer Rat ein. Einzige Frau auf der SPD-Liste war die Hausfrau Henriette John. Langen stammte aus Köln, wurde aber u.a. als Präsident der Geistinger Karnevalsgesellschaft schnell heimisch. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er der Gemeindevertretung wieder an. Seine beiden Mitstreiter wechselten später die Seiten. Steuermann trat sogar der NSDAP bei.

 

Über ein Fünftel der Stimmen kam die SPD bei Gemeinderatswahlen zwischen 1919 und 1933 in Hennef nicht hinaus. Katholischer „Arbeiterlisten“ und lokale Vereinigungen, wie die „Bergpartei“ für die Obergemeinde, kosteten auch den Sozialdemokraten sicherlich Stimmen.

 

Das Rathaus unterm Hakenkreuz (1933)

Verbot und Verfolgung im Dritten Reich

Im März 1933 wurde das letzte Mal frei gewählt. Die SPD landete hinter Zentrum und NSDAP in Hennef auf Platz drei. Die Nationalsozialisten ließen keine Zeit verstreichen und übernahmen trotz ihrer geringen Anzahl an Ratsmitgliedern die Macht im Hennefer Rathaus. An der Amtseinführung des Hennefer NSDAP-Bürgermeisters Naas konnten die drei gewählten Sozialdemokraten Langen, Schumacher und Weix bereits nicht mehr teilnehmen. Am 22. Juni war die SPD verboten worden. Sie war die einzige Partei, die im März gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. Otto Wels sagte: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Auch in Uckerath verloren die SPD-Mitglieder umgehend ihre Mandate, vermerkte das Protokoll. In Hennef trat die Fraktion des Zentrums geschlossen der NSDAP bei. Die Machtübernahme war vollzogen.

 

Das Uckerather Protokoll vermerkt den Ausschluss der SPD-Mitglieder (1933)

 

Wilhelm Püttmann

Den Kampf gegen den Faschismus hatten SPD, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und ihr Zusammenschluss „Eiserne Front“, die alle auch in Hennef und Uckerath aktiv waren und zu Veranstaltungen einluden, verloren. Bereits im März 1933 wurden Hennefer und Uckerather Genossen in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und waren der Willkür der NS-Diktatur ausgeliefert. Bei Hausdurchsuchungen durch Polizei und Gestapo wurde Eigentum beschlagnahmt. Auch nach der Haftentlastung wurden SPD-Mitglieder weiterhin beobachtet und verloren z.T. ihre Arbeitsstellen, wie Wilhelm Püttmann, der als Lehrer in Hanfmühle aus dem Dienst entfernt wurde. Nach dem Krieg wirkte Püttmann wieder in Rat und Kreistag. 1948 schlug die SPD ihn zur Wahl des Landrats vor. In Uckerath wurde er im gleichen Jahr von SPD und FDP zum Bürgermeister gewählt.

 

Unter Beobachtung des Nazi-Staates

Unter besonderer Beobachtung stand die Gaststätte Miebach in Hanfmühle. Hier wohnten die Sozialdemokraten Püttmann und Mülders, die beide in „Schutzhaft“ gesessen hatten. Die Polizei und der Uckerather Bürgermeister verfassten Berichte über Zusammenkünfte eines „Kegelklubs“, an denen neben Mitgliedern der verbotenen SPD auch unbekannte „städtisch gekleidete“ Personen hinter verhängten Fenstern teilnahmen. Öffentlich konnte man nicht mehr in Erscheinung treten, nur im Privaten Kontakt halten. So überstand wohl der große Teil der Hennefer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten die NS-Diktatur, der viele ihrer Genossinnen und Genossen in Gefängnissen und Konzentrationslagern zum Opfer fielen.

Stunde Null: Wiederaufbau nach 1945

 

Kassiererbuch der SPD Uckerath

Nach zwölf Jahren Diktatur lag auch Hennef in Schutt und Asche. Nun hielt die Demokratie wieder Einzug. Ende 1945 gründeten sich die SPD-Ortsvereine in Uckerath und Hennef neu. Den ersten von der Militärregierung ernannten Räten gehörten viele Sozialdemokraten an, die schon vor 1933 aktiv waren und nun am Wiederaufbau mitwirkten. Aufgrund des Wahlrechts verlief die erste Kommunalwahl 1946 für die SPD ernüchternd: In Hennef schafften es nur Richard Reuther und als erste Frau in Hennef überhaupt die aus Köln stammende Hausfrau Elisabeth Schreck in den Gemeinderat, in Uckerath nur Matthias Buchholz, der ebenfalls 1933 kurzzeitig inhaftiert worden war. Die Bedingungen für die politische Arbeit waren schwierig. Da etwa Kommunikationsmittel fehlten, musste zu Sitzungen persönlich mit dem Fahrrad eingeladen werden. Dennoch schaffte es die Uckerather SPD 1948 mit Wilhelm Püttmann einen Sozialdemokraten zum Bürgermeister von Uckerath zu wählen. In Lauthausen wurde erst im Verlauf der 1960er Jahre ein eigener SPD-Ortsverein gegründet. Hier war es vor allem Heinz Wirtz, der der SPD eine organisatorische Basis schuf.

 

Aus 3 mach‘ 1: Hennef entsteht

Bis 1969 bestand die Geschichte der Hennefer SPD aus drei Ortsvereinen. Mit der kommunalen Neugliederung entstand Hennef in seiner heutigen Form aus den Gemeinden Hennef, Uckerath und Lauthausen. Die Gemeinde Uckerath hatte sich lange mit Unterstützung der dortigen SPD, auch mittels Verfassungsklage, gegen diese Zusammenlegung gewehrt. Dennoch entstand 1969 ein gemeinsamer Ortsverein unter dem Vorsitzenden Heinz Hilden. Auf einen gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten konnte man sich jedoch nicht einigen. Dennoch erhielt die SPD 37,9% der Stimmen. Spätestens mit der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler brach für die SPD eine Hochphase an. Brandt und die SPD modernisierten und liberalisierten das Land. Viele neue Mitglieder stießen auch zur Hennefer SPD. Seit 1972 bestand in Hennef eine aktive Juso-AG mit jungen Genossinnen und Genossen. 1978 kam die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen hinzu. 1969 zog der in Hennef wohnhafte Dr. Bernhard Bußmann in den Bundestag ein.

 

Hans Welbers

Hans Welbers wird Bürgermeister

Ein bisher einmaliger Erfolg gelang der SPD 1979. Gemeinsam mit der „Christlich-Sozialen Wähler-Union“, eine durch den CDU-Bürgermeister Böhm initiierte CDU-Abspaltung, die sich gerne CSU genannt hätte, wählte die SPD den Sozialdemokraten Hans Welbers zum Bürgermeister von Hennef. Das „Hennefer Modell“ schaffte es sogar bundesweit in den SPIEGEL. Welbers war jedoch nur eine Amtszeit vergönnt, nachdem die CDU ihre Abtrünnigen wieder an sich binden konnte. Für die SPD bedeutete dies erneut die Oppositionsbank.

 

Die Hennefer SPD in den letzten 30 Jahren

Nach der Wiedervereinigung unterstützte die Hennefer SPD Genossinnen und Genossen in Ostdeutschland beim Aufbau von Ortsvereinen. So entstand etwa eine enge Verbindung zur SPD in Bad Tennstedt (Thüringen). 1990 hatte Manfred Hehn den Ortsvereinsvorsitz übernommen, der lange Jahre Hennefs Vizebürgermeister war. 1994 bildete sich eine kurze Zusammenarbeit zwischen SPD und CDU im Rat heraus. Ein Jahr später konnte die SPD endlich gegen langen Widerstand die erste Hennefer Gesamtschule durchsetzen. Die CDU zerstritt sich erneut in der Bürgermeisterfrage zwischen ihren Mitgliedern Eyermann und Kreuzberg, sodass ein Bündnis aus SPD, FDP und abtrünnigen Christdemokraten 1997 eine neue Mehrheit im Rat bildete und Stadtdirektor Karl Kreuzberg zum Bürgermeister wählte. Der politische Schachzug sollte sich für die SPD jedoch als Pyrrhussieg erweisen. Bei der aggressiv umkämpften Kommunalwahl 1999 verlor die SPD rund 15 Prozentpunkte und konnte sich davon lange nicht mehr erholen. An einer Ratsmehrheit war die SPD seitdem nicht mehr beteiligt, konnte aber auch aus der Opposition viele Themen erfolgreich anstoßen.

Bei der Landtagswahl 2012 schaffte es der Hennefer Dirk Schlömer mit einem Direktmandat in den Landtag von Nordrhein-Westfalen und wurde somit bis 2017 der zweite Abgeordnete der Hennefer SPD. Bei der Kommunalwahl 2014 erreichte die SPD mit 10,6 Prozentpunkten endlich wieder einen deutlichen Zugewinn. Seitdem stellt die SPD 13 Ratsmitglieder im Hennefer Stadtrat. Der SPD-Ortsverein hat wieder über 200 Mitglieder.

 

SPD-Ratsfraktion (2014)

 

Dieser Beitrag wurde erstellt von Mario Dahm. Er basiert vor allem auf den Arbeiten von Hans Luhmer (1993) und Jochen Herchenbach (2019) sowie eigener Recherche. Ebenfalls wurden heimatkundliche Beiträge und geschichtswissenschaftliche Arbeiten herangezogen. Auf ein umfangreiches Literaturverzeichnis wird für diese Überblicksdarstellung verzichtet. Bei Rückfragen wenden Sie sich gerne an den Autor. Ein Dank gilt dem Hennefer Stadtarchiv für die Bereitstellung vieler der hier abgebildeten Quellen.

Einen umfangreichen Einblick in die Geschichte der Hennefer SPD liefert das Buch „100 Jahre SPD Hennef“ von Jochen Herchenbach, das über den Buchhandel bezogen werden kann.

Zum 100-jährigen Jubiläum wurde eine kleine, transportable Ausstellung zur Geschichte der Hennefer SPD auf vier „RollUps“ erstellt, die gerne ausgeliehen werden kann.